Gunther Beth

Gunther BethDer Autor…
In unserem Land kann man kaum weiter auseinander sein als zwischen Flensburg und München, wo ich nun schon seit siebenunddreißig Jahren lebe. Aber wenn ich an die Stadt mit dem Nordertor denke, wird’s mir ganz heimelig ums Herz, weil ich in der Stadt mit dem Holstentor geboren bin und eine Fahrrad-Tour von Lübeck nach Flensburg zu den ersten Erfolgserlebnissen meines Lebens gehörte. Das ist lange her, aber für mich noch immer so lebendig wie die Deutschen Tennis­meisterschaften der Balljungen auf den POTT-RUM-Plätzen an der Marienhölzung im August 1960, als ich noch von einer Karriere als Tennis-Profi träumte. Zum Zeitpunkt dieser Sehnsucht jedoch hatte der „weiße Sport” in Deutschland noch keine große Zukunft. „Spielen” aber wollte ich auf jeden Fall auch nach dem Abitur – und so wurde ich Schauspieler. Und als solcher kehrte ich 25 Jahre später wieder nach Flensburg zurück – diesmal nicht in die Jugendherberge und nicht zu POTT, sondern ins ehrwürdige alte Stadttheater, wo wir im Oktober 1985 auf Tournee mit der Komödie „Schreib’ wenn du kannst” gastierten. Der Titel dieses Stückes war bezeichnend für mich, denn inzwischen hatte ich mich dem Theater in des Wortes wahrstem Sinne „verschrieben” – nicht nur spielend, sondern auch als Autor. Begonnen hat es mit „Meine Mutter tut das nicht!”, einem Lustspiel, das 1977 in Köln aus der Taufe gehoben und seitdem über zweitausend mal aufgeführt worden ist, übrigens auch im Ausweichquartier der Niederdeutschen Bühne Flensburg „Zur Weiche” anno 2001. Mein Co-Autor bei diesem Stück war Folker Bohnet – und wie das Leben so spielt: sein Sohn Markus Lorenz-Bohnet ist der Regisseur des heutigen Abends, also derjenige, der unsere Neurosen nun ganz frisch begossen hat.
Der sogenannte „normale Deutsche” ist ja mental mehr auf Weltschmerz geeicht, aber als Zuschauer liebt er Komödien, und wenn man der „Neuen Rhein Zeitung” Glauben schenken darf, dann sieht er „in seinem Leben einmal den ‚Zerbrochenen Krug‘, einmal ‚Minna von Barnhelm‘ und dreimal den ‚Neurosen-Kavalier‘. Ein Blick auf die Statistik beweist zumindest einen gewissen Wahrheitsgehalt dieser schamlosen Übertreibung, über die man sich als Autor natürlich ebenso schamlos freut. Seit der Uraufführung in der Inszenierung von und mit Claus Biederstaedt am 19. Dezember 1986 in Stuttgart ist „Der Neurosen-Kavalier” in fast jeder deutschen Theaterstadt über die Bühne gegangen. Insgesamt stehen inzwischen über 7.500 Aufführungen in 88 Produktionen in 9 Ländern zu Buch. Es war die erste „westdeutsche” Komödie, die in der damaligen DDR aufgeführt wurde; 1990 erschien der gleichnamige Roman; sowohl das Italienische Fernsehen RAI (1994) als auch das Österreichische Fernsehen ORF (2001) haben Inszenierungen aus Mailand und Wien aufgezeichnet – und unter dem Titel „Ach, du Fröhliche“ hat die ARD 1995 das Stück mit Harald Juhnke in der Hauptrolle verfilmt. Wenn man uns damals gefragt hätte, ob wir einen solchen Erfolg für möglich halten würden, hätten wir das natürlich verneint – aber nur aus Bescheidenheit. In Wirklichkeit waren wir – heute können wir der Wahrheit ja ruhig die Ehre geben – fest davon überzeugt, daß dieses Stück seinen Weg gehen würde. Denn wie heißt es doch schon in der guten alten „Pension Schöller”: „Die Menschen werden immer nervöser. Nerven haben Zukunft!” Und so bieten wir – Freud hin, Freud her – ein modernes psychotherapeutisches M­ärchen als heiteres Plädoyer für die Heilkraft der Mitmenschlichkeit.
Und nun erreichen wir also Flensburg! – Viele Leute, die ich kenne, verbinden diese Stadt ja mit der Kuriosität, daß sich das Kraftfahrbundesamt als Standort für Verkehrssünder-Kartei ausgerechnet die Metropole der Schnapsbrennereien ausgesucht hat. Aber für mich repräsentiert Flensburg nun mal die Faszination des Nordens, wo man – wie ich ja aus frühester Jugend weiß – nur ein Fahrrad braucht, um miterleben zu können, wie die Sonne morgens aus dem Meer aufsteigt und abends in ein anderes Meer wieder eintaucht. Schleswig-Holstein – das Land, wo Jahresszeiten so farbig und so konturiert sind wie nirgendwo sonst: die Hoffnungsfreude der ersten Blattknospen in den Knicks, glühende Raps-Sommer, die Melancholie verlassener Strandkörbe im Herbst und die schneeverwehten Winter mit den langen Abenden und den kühnen Träumen. Heimat ist da, wo man nicht weg will, sagen die einen. Heimat, so empfinde ich, ist da, wo man immer wieder hin will. Und wenn nun am 4. Oktober „Der Neurosen-Kavalier” im Stadt­theater seine plattdeutsche Uraufführung hat, werde ich das „runde Gefühl” genießen, wenn sich im Leben wieder mal ein schöner Kreis schließt.

(Brief von G. Beth zur Flensburger Premiere)