Geschichte der Bühne


Plattdeutsches Theater gibt es in Flensburg seit 1622, zwar nicht von einer niederdeutschen Bühne dargeboten, sondern von Schülern einer Lateinschule, und danach schweigen die Archive auch über gut 200 Jahre, aber dann haben die Flensburger wohl zunehmend Freude am niederdeutschen Bühnenspiel gefunden. Seit 1828 sind etliche Aufführungen dokumentiert, Bauernspiele und Lokalpossen, und 1886 tritt der erste Verein ins Bühnenleben, der „Theaterclub Victoria“, mit Auftritten „stets vor vollen Häusern“, wie berichtet wird.
Das Signal aber, kontinuierlich und mit hohem künstlerischen Anspruch plattdeutsches Theater zu spielen, kam aus Hamburg, wo Dr. Richard Ohnsorgs „Gesellschaft für dramatische Kunst“ 1916 mit „Cili Cohrs“ von Gorch Fock ein nachahmenswertes Beispiel gab. Flensburg darf sich mit Stolz rühmen, neben Lübeck die erste Stadt gewesen zu sein, die diesem Konzept folgte.

1920 wurde die „Flensburger Speeldeel“ gegründet, die schnell von einer losen Spielgruppe zu einem homogenen Ensemble wurde und unter der Leitung des Darstellers und Spielleiters Paul Cruse schon nach einem Jahr 31 erfolgreiche Aufführungen verzeichnen konnte. Mit Hingabe und großer Ernsthaftigkeit widmete sich die Bühne hochdramatischen Werken ebenso wie Komödien und stellte sich selbst großen künstlerischen Wagnissen wie der Aufführung beider Teile des „Redentiner Osterspiels von 1464″. Wie wenig man dabei in den eigenen Grenzen blieb und wie sehr man sich dem großen Anliegen des Niederdeutschen Theaters verpflichtet fühlte, zeigt, dass die Gründung eines „Niederdeutschen Bühnenbundes“ von Flensburg ausging.

Als die „Speeldeel“ 1926 in „Niederdeutsche Bühne Flensburg“ umbenannt wurde, genoss sie bereits hohes Ansehen im Kreise der inzwischen vielerorts entstandenen plattdeutschen Bühnen.
Der anspruchsvolle Spielplan und die Qualität der Vorstellungen sicherten dem Ensemble bald die Bühne des Stadttheaters. 1934 wurde sie direkt dem jeweiligen Intendanten der Städtischen Bühnen unterstellt.

Als 1974 die Bühne im Zuge der Umorganisierung der Theater im Norden Schleswig-Holsteins selbständiger Theaterbetrieb der Stadt Flensburg wurde, startete sie sofort in eine Rekordsaison mit 78 Aufführungen und über 24 000 Besuchern. Auch das erste Kinderstück hatte als Uraufführung 1974 Premiere und musste gleich wegen der starken Nachfrage länger im Spielplan bleiben als vorgesehen.
Mit unkonventionellen Stücken neben den „Klassikern“ wurden ständig neue Angebote gemacht, die vom Publikum mit Freude aufgenommen und mit einer außerordentlichen Steigerung der Abonnementzahlen honoriert wurden. Fernsehaufzeichnungen und gefeierte Gastspiele auch über den Norden hinaus prägten weiterhin das Bild der Bühne.

Im Januar 1982 konnte das Studio der Niederdeutschen Bühne, eingerichtet und unterhalten aus dem Kreis der Förderer, eröffnet werden, mit 99 Plätzen das „Kleine Haus“ der Bühne, ein Theaterraum mit unmittelbarem Kontakt zum Zuschauer und besten Möglichkeiten für Kammerspiel, Lesung, Kabarett und experimentellem Theater.

Die Spielzeit 1995/96 brachte wieder eine größere Veränderung: Die Niederdeutsche Bühne wurde aufgrund städtischer Sparzwänge aus der Obhut der Stadt entlassen; ein Verein übernahm mit deutlich verringertem Zuschuss die Trägerschaft, eine Zäsur wurde nötig, die mehr Diskussion über Geld und Management als über Kunst verlangte und doch zu einem Ergebnis führte, das die Tradition bewahren konnte und den Erfolg anhalten ließ.

In Flensburg wird weiter mit Spaß und Engagement niederdeutsches Theater gemacht, auf einem Niveau, das Gäste und auch die Berufszunft oft staunen lässt und vor einem Publikum, das im Stadttheater und im Studio immer wieder zeigt, dass es seine Bühne liebt. In der Nachfolge so bekannter und verdienter Bühnenleiter wie Curt Timm, Konrad Hansen und Christoff Bleidt ist heute Rolf Petersen der Chef der Truppe, ein versierter Theatermann mit ausgeprägtem Sinn für Tradition, Neues und alles, was dazwischen liegt.

Neben einem hauptamtlichen Bühnenleiter beschäftigt die NDB heute vier weitere Mitarbeiter im künstlerisch-technisch Bereich. Das Ensemble besteht aus etwa 60 ehrenamtlichen Mitgliedern. Mit sieben Premieren pro Spielzeit, bei denen hauptsächlich Berufsregisseure eingesetzt werden, erreicht die NDB heute ca. 24 000 Zuschauer jährlich bei einem festen Stamm von etwa 1500 Abonnenten.

Eine wichtige finanzielle Unterstützung erfährt die Bühne auch durch einen eigens dafür gegründeten Förderverein, der 1979 gegründet wurde und ungefähr 120 spendende Mitglieder zählt, und der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die NDB bei Projekten zu unterstützen, die nicht durch den laufenden Etat abgedeckt werden können, wie z.B. die Renovierung und Erweiterung des Studios in der Augustastrasse.

Nach wie vor erfreut sich die NDB großer Beliebtheit beim Publikum und ist eine nicht wegzudenkende kulturelle Einrichtung in der Stadt Flensburg. (Manfred Brümmer)